Fremdbeitrag: ‘Freie Stadt Danzig’, von Andreas Jüttemann

Achtung: dies ist eine direkte, nicht korrekturgelesene Wiedergabe eines Fremdbeitrags, zu dem der R.DA ggf. (noch) keine Stellung bezogen hat; die Wiedergabe dient ausschliesslich dem Zweck, freistädtische Representierte an zentraler Stelle darüber zu informieren, wann, wo, wie und von wem an fremden Stellen über die die freistädtischen Belange direkt oder indirekt betreffenden Themen berichtet wird. Hier: Wiedergabe eines Frembeitrags im Internet Blog von Herrn Dr. Andreas Jüttemann bei der Freien Universität Berlin (online HIER veröffentlicht, hier unser PDF davon)


Freie Stadt Danzig

Wie kam es zur Gründung der Freien Stadt?

Das Deutsche Reich verliert den zusammen mit Österreich-Ungarn begonnenen Ersten Weltkrieg. Im Versailler Vertrag von 1919 waren Reparationsleistungen und die politische Neuordnung in Europa geregelt. Im Vertragswerk war die Abtrennung der mehrheitlich nicht von Deutschen bewohnten Gebiete des Reiches (Elsass-Lothringen, Nordschleswig, Westpreußen, Posen, Oberschlesien) beschlossen. Eine Ausnahme bildeten die Städte Danzig und Zoppot, in denen über 95% Deutsche wohnten, die aber trotzdem vom Reich abgetrennt wurden. Die Städte kamen nicht zu Polen (wie das westpreußische Umland), sondern wurden in einen eigenen souveränen Staat überführt.

Polen ist gegen eine freie Stadt und forciert den Anschluss an das neugegründete polnische Mutterland, da angeblich 50% der Bevölkerung polnischer Abstammung sei. Die deutsche Bevölkerung Danzigs protestierte .ebenfalls gegen die Abtrennung vom Reich. Das Staatsgebilde Freie Stadt war somit eine Kompromisslösung .zwischen Deutschland und Polen. Danzig wird unter Schutz des Völkerbundes (UN-Vorläufer) gestellt und am .15. November 1920 ein unabhängiger Staat.(nach dem sog. Pariser Vertrag). Es wird ein „Hohen Kommissar“ eingesetzt, .der über (schon bei der Gründung .erwarteten) Streitigkeiten zwischen .Danzig und Polen wachen und vermittelnd tätig sein soll.

Danzig wird Teil des polnischen Zollgebiets, verbleibt aber bis 1923 in Währungsunion mit dem Deutschen Reich. Polen darf den Hafen und alle Wasserstraßen in Danzig zoll- und gebührenfrei nutzen. Der Post- und Telefonverkehr wird außerdem .von Polen überwacht und die Danziger .Eisenbahnstrecken .durch die PKP betrieben. Polen darf sämtliche Hafenanlagen nutzen .und benötigte Grundstücke erwereben. Das Deutsches Reich trägt aber weiterhin die .finanziellen Lasten des souveränen Danzigs.

„Dem polnisch sprechenden Volksteil wird durch die Gesetzgebung und Verwaltung seine freie volkstümliche Entwickelung, besonders der Gebrauch seiner Muttersprache beim Unterricht, sowie bei der inneren Verwaltung und der Rechtspflege gewährleistet.“ (Danziger Verfassung).

Polen vertritt Danzig außenpolitisch und ggfs. militärisch. Die Bürger der Freien Stadt müssen .sich im Ausland an polnische .Konsulate/Botschaften wenden. Die Bürger verlieren 1920 die deutsche .Staatsangehörigkeit und werden .Danziger Staatsbürger. Wer deutsch .bleiben will, muss binnen zwei Jahren .Danzig verlassen.

Der Völkerbund genehmigt am 11. Mai 1922 die neue Verfassung der Freien Stadt (Sie ist eng an die Verfassung der Weimarer Republik angelehnt). Als Parlament gilt der Volkstag mit 72 Mitgliedern (geheime Wahl alle vier Jahre). Die Regierung nennt sich wie in einem Stadtstaat „Sena“t (mit einem Präsidenten, zehn Senatoren). Es gibt aber keinen Staatspräsidenten oder Premierminister: .Der Senatspräsident ist defacto .das Staatsoberhaupt Danzigs, der Hohe Kommissar .des Völkerbundes hat aber dejure die Oberhohheit. Bei Entscheidungen der Judikative kann der „Oberste .Danziger Gerichtshof“ einberufen werden.

Der Vorteil der Staatsneugründung Danzigs für Polen war die direkte Verbindung zum Meer (über die Weichsel). Der einzigen innerterritoriale Zugang zum Meer, den Polen .bei seiner Gründung 1919 hatte, war der kleine Fischereihafen Gdingen. Polen wollte ursprünglich in Danzig eine Garnison stationieren und das polnische Recht proklamieren. Dies war aber nach Artikel 5 der Danziger Verfassung verboten:

„Ohne vorherige Zustimmung des Völkerbundes in jedem einzelnen Falle darf die Freie Stadt nicht: ?1. als Militär- und Marinebasis dienen, ?2. Festungswerke errichten, ?3. die Herstellung von Munition oder Kriegsmaterial auf ihrem Gebiete gestatten.“ (Danziger Verfassung)
Der polnische Hafen Gdingen
Polen begann mit dem systematischen Ausbau Gdingens nach 1925. Die Leitung des Städtebaus hatte eine Sonderkommission inne. Im Februar 1926 erhielt Gdingen preußisches (!) Stadtrecht. Der erste Stadtbürgermeister wurde der Deutschkaschube August Krause. Gdingen wurde außerdem neuer Flottenstützpunkt der 1918 gegründeten polnischen Kriegsmarine. Ab 1927 gab es Steuernachlässe für ansiedelnde Betriebe und ihre Mitarbeiter. Es setzte ein erheblicher Wachstum ab 1928 ein. Im Jahre 1934 übertraf Gdingen in puncto Umschlag alle anderen Ostseehäfen .(1938 war Gdingen zehntgrößter Hafen Europas). Bis 1939 wurde der einstige Fischerhafen zu seiner moderne Großstadt (ab 1938: 100.000 Einwohner, davon etwa 10% Deutsche) mit z.T. Architektur im Bauhaus-Stil. Mit dem Einmarsch der Deutschen Wehrmacht 1939 wurden in den Vorjahren nach Gdingen zugewanderte Polen deportiert, die Kaschuben durften bleien und konnten Deutsche werden. Es erfolgte am 20. September 1939 die Umbenennung Gdynia/Gdingens in Gotenhafen.
Fakten zur Freien Stadt Danzig
Amtssprache Deutsch
Städte Danzig (Hauptstadt), Stadt Zoppot, Landkreis
Danziger Höhe (Eingemeindung 1926 Oliva zu Danzig),
Landkreis Danziger Niederung und Landkreis Großes Werder.
Bestehen 15. November 1920 – 26. Oktober 1939
Staatsoberhaupt De facto keiner, aber Regierungsgewalt ging vom Senatspräsident und dem Hohen Kommissar des Völkerbundes (UN) aus
Parlament und Regierung Volkstag (120 Mitglieder), Senat mit Vorsitz: Senatspräsident
Fläche 1.966 km² (Vergleich: Warszawa 517 km², Hamburg 755 km², Saarland 2570 km²)
Verfassung Seit 1922, Vorbild: Verfassung der Weimarer Republik
Wirtschafts- und
Zollbestimmungen
Währungsunion bis 1923 mit Deutschland („Mark“; ab 1923 eigene Währung: Gulden), aber bereits Zollunion seit 1922 mit Polen.
Keine einheitlichen Regelungen: Einreise nach Danzig für Deutsche (und umgekehrt) visafrei, Einreise für Danziger nach Polen visapflichtig
Einwohnerzahl 388.000 (Vergleich: Lübeck 210.000, Kiel 240.000, Bremen/Poznan 550.000)
Eigene Nationalhymne „Für Danzig“, eigener Nationalfeiertag (15.11.), eigenes internationales KfZ-Kennzeichen („DA“)

Zwischen dem 1. September 1939 und dem 6. Oktober 1939 begann der Einmarsch der Wehrmacht in Polen und der Freien Stadt Danzig ohne vorherige Kriegserklärung. Die polnische Regierung Warschaus floh ins Exi. Am l3. September 1939 erklärten Frankreich und Großbritannien im Rahmen ihrer Beistandsverträge mit Polen Hitler den Krieg. Am 17. September ließ Stalin die Rote Armee im Ostteil Polens einmarschieren (Hintergrund war der deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakt, der erst am 23. August 1939 abgeschlossen wurde bzgl. der Teilung Polens). Damit war das Ende der freien Stadt Danzig im September 1939 besiegelt.

Das Danzig-Paradoxon
Die Freie Stadt Danzig hörte 1939 mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht völkerrechtswidrig auf zu existieren. Polen annektierte im März 1945 (also noch während .des Krieges) Danzig ebenfalls ohne Völkerbundszustimmung. In den Konferenzen und Verhandlungen der Alliierten .sowie zwischen Deutschland und Polen zwischen .1944 und 1992 wurde nie über Danzig verhandelt,. nur über vorher deutsche Gebiete östlich der Oder und Neiße. Die aus Danzig vertriebenen Deutschen besaßen in der .ersten Zeit nach 1945 stets die doppeltes .Staatsbürgerschaft.

Der Historiker Schweisfurth proklamiert 2006: „Obgleich heute die ‚de facto‘ Affilation Danzigs in Polen nicht in Frage gestellt werden kann, ist es fraglich, ob die Freie Stadt noch ‚de jure‘ existiert. (…) Polen betrachtet sich nicht mehr an den Friedensvertrag von Versailles gebunden zu sein, da Deutschland und die Obrigkeiten der Freien Stadt diesen 1939 verletzten.(…) Betrachtet man sie als Staat, hörte die Freie Stadt 1945 nicht auf zu existieren.“In Berlin gibt es seit 1947 eine Danziger Exilregierung („Rat der Danziger“). Es finden für ehemalige Danziger Staatsbürger regelmäßig Wahlen statt (1951 waren es 53.000 Stimmen), die letzten Wahlen zur „Vertretung der Stadt Danzig“ fanden 2011 statt.